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11. Mai 2012

Laudatio von Julika Sandt zum Dr.-Georg-Schreiber-Medien-Preis 2012

Für ihren einfühlsamen Beitrag "Ein Schuss aus Notwehr, zwei Tote und dann?" über eine traumatisierte Polizistin erhielt die Journalistin Katharina Hübel am Freitag, 11. Mai 2012 den Dr.-Georg-Schreiber-Medienpreis - überreicht von Jurymitglied Julika Sandt MdL. In ihrer Laudatio würdigte die Abgeordnete den außergewöhnlichen Stoff, die Offenheit mit der Katharina Hübel ihre Protagonistin zu Wort kommen lässt und die darauf abgestimmten Erzählstruktur:
 
Foto: www.thorsten-jochim.de
Meine sehr geehrten Damen und Herren,
liebe Katharina Hübel,
ein Schuss aus Notwehr, zwei Tote und dann?

Eine kurze, knappe Frage mit einem monströsen Nachhall: „Ein Schuss aus Notwehr… zwei Tote… und dann?“

In der Ausbildung zum Polizisten lernt man,
wie man sich bei einem Einsatz verhält,
wie man deeskaliert und
wann man doch schießen muss.

Aber lernt man wirklich, was nach tödlichen Schüssen seelisch passiert?
Wie man damit umgeht?
Wie man ins Leben zurückfindet,
nachdem man anderen Menschen das Leben genommen hat?

Mit ihrem Hörfunk-Beitrag für das Notizbuch auf Bayern 2 zeichnet die Journalistin Katharina Hübel das einfühlsame Portrait von Martina Drosta.
Ich freue mich, dass sie heute hier ist.

Die damals 23-jährige Polizistin hatte im Jahr 1998 bei ihrem dritten Einsatz einen Mann erschossen. Der Mann war mit einem Messer auf seinen Bruder und auf Martina Drosta losgegangen.
Ein Schuss aus Notwehr.
Dann geschah das Unglaubliche: Eine Kugel durchdrang den Angreifer und traf dessen Bruder, der hinter ihm stand.
2 Tote. Und dann?

Zehn Jahre nach den Schüssen und trotz einer stationären Behandlung wird die Polizistin in den Vorruhestand versetzt.
Mit 32 Jahren.

Für sie eine Katastrophe. Polizistin war ihre Berufung. Sie sagt:
„Einfach Leuten helfen, das war ein schönes Gefühl.“

Das Loch, in das sie fällt, scheint bodenlos.

Martina Drosta schreibt in ihrem Buch „Ein Schuss, zwei Tote“ alles auf, um nichts mehr zu vergessen. Und Katharina Hübel ist die erste Journalistin, der sie ihre Geschichte erzählt hat. Entstanden ist ein einfühlsames Ton-Dokument einer Traumatisierung.

Katharina Hübel hat aber nicht nur einen außergewöhnlichen Fall ausfindig gemacht und recherchiert.
Sie hat auch die passende Erzählform gefunden.

Der Beitrag beginnt wie ein Polizeiprotokoll:
„28. November 1998. Gegen 8:30 Uhr ruft Leon T. in der Münchner Polizeieinsatzzentrale an.
Sein Bruder drehe durch und wolle sich mit einem Messer die Pulsadern öffnen.“

Es folgen szenische Elemente aus dem Buch der Polizistin:
„Mein Herz pocht ganz wild, das Klopfen empfinde ich als unangenehm. Mein Bauch verkrampft sich, mein Hals ist wie zugeschnürt...“
Die Spannung steigert sich ins Unerträgliche.

Es folgt Wechsel aus nüchterner Schilderung im Nachrichtenstil, O-Tönen und Erinnerungen aus der Perspektive der Polizistin.
Diese Erzählform empfinde ich aber nicht als Spielerei. Spiegelt sie doch genau den Konflikt von Martina Drosta wieder: Einerseits ihre Toughheit. Eine Polizistin muss stark sein, findet sie selbst. Und von der Staatsanwaltschaft hat sie doch schwarz auf weiß, dass sie rechtlich keine Schuld treffe. Anderthalb Jahre hält sie so durch.

Aber dann kommen immer wieder diese Flashbacks  – ihr Herzklopfen, das Karomuster auf dem Hemd des Angreifers. Karomuster werden zum Horror für die Polizistin. Ein Hüttenurlaub mit Karo-Gardinen zum Alptraum.
Beispielhaft greift Katharina Hübel Assoziationen der Polizistin heraus. Die Beklemmung wird spürbar.

Es ist ein Hörfunk-Beitrag und doch bleiben unheimliche Bilder hängen.
Das Kino im Kopf, das Katharina Hübel beim Hörer entstehen lässt. es scheint mal aus der Totalen, mal mit subjektiver Kamera aufgenommen zu sein, mit Rückblenden in verzerrten Bildern und in Zeitlupe.

Das richtige Leben von Martina Drosta, die Geschichte, um die es geht, ist ja auch ein Wechsel zwischen einer Art äußeren Handlung, dem Buch in dem sie ihr Trauma verarbeitet, der Alltagsrealität  und den Erinnerungsfetzen, die sie wieder und wieder einholen – wie Rückblenden in verzerrten Bildern und in Zeitlupe.

So lässt auch Katharina Hübel ihren Beitrag zwischen zeitlichen Ebenen springen.
Aber ganz und gar nicht willkürlich.
Denn Zeit ist auch in Martina Drostas Leben nichts, was logisch linear aufeinander folgt:
Laut Einsatzprotokoll hat der Einsatz vier Minuten gedauert.
Vier Minuten, zwei Tote und ein Leben, in dem nichts mehr so sein konnte, wie zuvor.
Vier Minuten, die die Polizistin wieder und wieder einholen. Vier Minuten – lebenslänglich.

Panikattacken werden zur Belastungsprobe für Freundschaften. Das soziale Gefüge zerbricht.
Doch schließlich kämpft sie weiter, um das Vertrauen in die Menschheit zurückzugewinnen.
So entsteht ihr Buch „Ein Schuss – zwei Tote“, zunächst als Selbsttherapie.

Eine Geschichte mit Nachhall, die Diskussionen und Konsequenzen bei der Polizei auslöst: Inzwischen wird keine Munition mehr eingesetzt, die einen menschlichen Körper durchdringen kann.
Einsatztrainings bereiten auch psychisch auf einen realistischen Schusswaffengebrauch vor.
„Das Problem war, dass ich selbst keine Ahnung hatte, was so ein posttraumatisches Dingsbums ist“, sagt Martina Drosta.
Inzwischen beschreibt ein Betreuungskonzept die Nachsorge.
An Hochschulen spricht Martina Drosta über ihr Trauma. Sie ist sogar selbst zu einem Fall im Polizei-Lehrbuch geworden.

Diesen langen, steinigen Weg zurück ins Leben hat Katharina Hübel durch ihren Beitrag nachspürbar gemacht.

Mit dem außergewöhnlichen Stoff, der Offenheit mit der sie ihre Protagonistin zu Wort kommen lässt und der darauf abgestimmten Erzählstruktur erzeugt die Autorin nicht nur Betroffenheit.
Sie zeigt auch gesellschaftlichen und politischen Handlungsbedarf auf:
Krude Reaktionen der Kollegen, Befragungen, Krisenhilfe. Aber: wer betreut den Betreuer? Brauchen wir bei der Polizei eine bessere Supervision?

Der Dr.-Georg-Schreiber-Medienpreis wird an Autoren verliehen, deren Beiträge dem Laien gesundheits- und sozialpolitische Themen objektiv vermitteln und verständlich machen.
Das ist Katarina Hübel gelungen.

Liebe Frau Hübel, dazu gratuliere ich von ganzem Herzen!
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